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GEDANKEN UEBER DIE DEUTSCHE EINHEIT
Ja, es ist soooo lange her, daß die Einheit
Deutschlands auf dem Papier erreicht wurde; aber eine Generation wird
mindestens vergehen, bis sie auch in den Herzen und in der Praxis echt
erreicht wird. Und doch handelt es sich um eine friedliche und gelungene
Revolution, um die wir uns auch als Weltbürger stolz fühlen dürfen.
Eine Revolution, die ohne Blutvergießen mit besten diplomatischen
Mitteln erreicht wurde, um zum glücklichen Ende zu kommen.
Mit dem Fall der Mauer kurz vor der Vereinigung
Deutschlands ist auch eine Etappe der Weltgeschichte - die des „Kalten
Krieges“ - zu Ende gegangen. Zwei politische, wirtschaftliche und
philosophische Systeme grenzten aneinander und teilten so Deutschland
und die Welt. Beide Teile Deutschlands waren Musterbeispiele dieser
Weltanschaungen. Die BRD hatte es nach dem schrecklichen 2. Weltkrieg in
historisch kurzer Zeit erreicht, die Prinzipien der französichen
Revolution, die danach auch in Deutschland Nachklang erreichten , und
des nun schon jahrhundertealten Systems der USA zu verwirklichen.
Wirtschaftlich wurde der Marshalplan gut genutzt für den Wiederaufbau
mithilfe aller Einwohner, sogar die Frauen schleppten die Trümmer, um
wieder ein lebenswertes Land auf die Beine zu stellen. Die „soziale
Marktwirtschaft“ erreichte Weltruhm und wurde als Mittelweg zwischen
dem extremen Kapitalismus oder absolutem Liberalismus und dem
Kommunismus erfolgreich in Deutschland angewandt.Nach langen Jahren
wurde die neuentdeckte Freiheit mit Wonne genossen. Man merkte erst wie
schön die „Liberte“ ist, wenn man die DDR besuchte. Nur drei Tage
reichten mir, um die Beklommenheit zu fühlen, die Angst, aus dieser
Falle, aus diesem Gefängniss, nie wieder rauszukommen. Sicher hatten es
manche auch gut, und eine andere Minorie saß im goldenen Käfig, wie
ich kurz danach im Film „Sol de Medianoche“ mit Barishnikov
nachempfinden konnte. Dort haben sich meine Gefühle bestätigt gesehen.
Das traurige Berlin des Ostens, mit den fast leeren Schaufenstern, mit
wenigen Leuten auf den Straßen, mit dem einschüchternden Militär in
russischen Uniformen und Mützen überall, war zum Weinen. Und in der
restlichen DDR war es noch schlimmer. Besonders krass schien der
Kontrast, wenn man davor im KaDeWe und auf dem Kurfürstendamm
spazierengegangen war, sogar wenn man einige komischen Gestalten in der
Gegend des Hauptbahnhofs Zoo herumlungern gesehen hatte, all das gehört
zur Freiheit, auch die Schattenseiten, die man gerne in Kauf nimmt. Als
Tourist wurde ich auch gleich in der DDR darauf aufmerksam gemacht, wie
hier der Hase läuft, falls ich es noch nicht bemerkt hätte. Als ich
mich anmeldete, um die Reise nach Bitterfeld zu machen, wurde ich
einfach gezwungen, ein Hotel in Halle zu buchen und natürlich zu
bezahlen, und hatte mich auf direktem Weg ohne Abschweifungen dorthin zu
bewegen, und auch anzumelden.Fertig, basta. So barsch, kategorisch. Als
ich wagte, zu erwähnen, daß wir eigentlich bei meiner Grossmutter eine
Bleibe hätten, wurden wir nur mitleidig von der Seite angeschauen, und
ein bisschen unheimlich klang es, als man uns den guten Rat gab, uns
wenigstens beim Hotel anzumelden. Bezahlt war er ja schon. Da mußte man
sein eigenes Fell schützen und die ewigen Minuten zählen, bis wir in
drei Tagen wieder in der freien „Insel“ Westberlin waren, und
versuchen, mucksmäuschenstill zu überleben. Im internationalen Hotel
in Halle gab es dann den östlichen touristischen „Konfort“, ein
Radio, nur Licht an der Decke, keinen Fernseher,und der Lift wurde
abends abgeschaltet, so konnten wir besser bewacht werden. Beim
„kontinentalen Frühstück“ fiel uns auf, daß neben jeder Eßsache,
die wir uns am großen Tisch zum Essen auf die eigenen Teller nahmen,
ein Schildchen mit einer Nummer war. Gleich erfuhren wir, was es damit für
eine Bewandtniss hatte. Wir waren gerade am Tisch angekommen, da kam
gleich ein Kellner und frug uns, ob wir schon zu bezahlen wünschten.
Uns blieb der erste Happen fast im Hals stecken. Natürlich wollten wir
schnellstens bezahlen, so wurden wir wenistens fürs Erste in Ruhe
gelassen. So hat der Kellner dann tüchtig jede Frucht, Brötchen, die
wir auf dem Teller hatten, schön hübsch aufgeführt, und
zusammengerechnet. Danach haben wir dann auch noch die trockenen
Apfelsinen „genossen“, welche von der DDR solidarisch den
kubanischen „Genossen“ gekauft wurden. Ja, die Kellner der DDR! Sie
schienen mir ein bisschen steif und genossen ihre kleine Macht, so militärisch
barsch, viele Male in schwarz angezogen, ja das war also in der Praxis
die „Diktatur des Proletariats“? So sah das also aus. Als wir etwas
einkaufen wollten, war es wircklich schwer, das Geld unter die Leute zu
bringen. Die einzige Bücherei Halles war seit einem Jahr geschlossen,
und als wir endlich italienische Schuhe –eine Rarität – entdeckt
und gekauft hatten, wurde uns auf der Straße nachgeglotzt, weil sie in
so schönen Schachteln statt in braunem Einpackpapier waren. Die Armut
des Systems wurde „harmonisch“ unter dem Volk verteilt. Natürlich
gab es auch in diesem System Einige, die Privilegien genossen und von
all dem ausgeklammert waren. Sonst hatte so gut wie jeder Geld auf der
Bank. Aber die Frage war hier: für was?. Einen Trabant zu bekommen, das
„tolle“ Auto des „Ostens“, hier das Höchste der Gefühle,
dauerte mehrere Jahre. Nach der Wende ließ man sie einfach am Rande
stehen und kaufte sich was Besseres. Man schenkte uns eine für sie unnütze
Platte klassicher Musik, Plattenspieler haben sie seit Jahren sowieso
nicht käuflich erwerben können. Es war einfach keine zum Verkauf da.
Bananen gabs nur zu Weihnachten, die Schokolade schmeckte nicht. Fast
alle benahmen sich wie Staatsangestellte, die Häuser waren verwahrlost
und natürlich meistens ungestrichen. Wenn eine Schraube in einer Fabrik
für eine stillgelegte Maschine fehlte, mußte man nach Berlin
schreiben, damit diese sie autorisieren und schicken. Und wie
funktioniert ein System, wo alles vorher planifiziert wird?. Wie soll es
schon funktionieren? Wer weiss denn schon, wie viele Schuhe die Bevölkerung
neu kaufen will oder muß und rechnet das vorher korrekt aus. Und so mit
allem! Die Planwirtschaft, das „Musterbeispiel“ DDR des Sozialismus
in der Welt, auf dem besten Weg zum Kommunismus, wo alles nur noch
besser sein sollte, die DDR also, wo das System noch besser als in der
UDSSR funktionierte, klappte auch hier nicht.
Und dann zu den Menschen. Trotz des Systems, die
Einwohner waren und blieben auch weiterhin Deutsche. Sie verteidigten
sich wie sie konnten, sie überlebten, waren nett zu einem, sie passten
sich an, und natürlich viele machten leider auch echt mit. Traurig aber
wahr, DDR war eines der letzten Länder des Ostblocks, was dann wieder
aufwachte, um zur Freiheit zurückzufinden. Der Anfang des sichtbaren
Endes war die Wahl des neuen Papstes Johannes Paulus II, ein Pole, ein
klar definierter Antikommunist. Der Besuch im höchstkatholischen Polen
von Karol Wojtila, zusammen mit dem Anführer der Werften von Danzig,
erschütterten den Warschaupakt. Frühe Vorläufer davon war der
Arbeiteraufstand in der DDR, der Aufstand in Ungarn, der Aufstand in der
Tschechoslovakei von Dubzec, alle mit russicher „Hilfe“ (nenn es
Panzer und Truppen) unterjocht. Aber mit dem Papst wurde es endlich und
definitiv ernst. Polen schaffte vieles Konkretes und wurde Wegweiser.
Viel später kam dann die Perestroika und Glasnost vom Nobelpreisträger
Gorbatschov. Ich hatte es damals nicht glauben können, als ich über
Carters Mitarbeiter Brzezinsky in einem Kurs über Geopolitik hörte,
dass die UDSSR nur Atrappe war, sie würde fast von alleine fallen,
hinter dem Koloß steckte nicht viel dahinter. Und als die 50 Jahre von
der DDR pompös gefeiert wurde, spielte „Gorbi“ das Spielchen noch
mit, flüsterte aber auch fast schreiend, das in der DDR auch solche
Zeiten zu kommen hätten wie in der UDSSR. Anscheinend war aber das
DDR-Regime schwerhörig. Als aber friedlich das eigene Volk rebellierte,
und auch noch ohne jegliches Hab und Gut lieber massiv jede bestmögliche
Gelegenheit ausnützte, um aus dieser „Mausefalle“ DDR rauszuschlüpfen,
und noch mit offenen Armen von den deutschen Brüdern im Westen
empfangen wurden, da wurde es dann brenzlich für die verkalkten DDR- Bürokraten
da oben. Ohne die Hilfe der russischen Panzer diesmal waren diese
isoliert und ganz allein geblieben. Wir alle, nicht nur Deutsche,
hielten den Atem an, rapide wurde Geschischte geschrieben, die Mauer
fiel, die Einheit mithilfe der Zustimmung aller Weltmächte wurde
endlich erreicht. Natürlich hat das auch einiges gekostet. Deutschland
ist z.B.heutzutage der erster Gläubiger Russlands, hat also auch dem
verständigen grossen „Ostbruder“ etwas unter die Arme geholfen..
Jeder Offizier und jeder Soldat Russlands, die in der DDR stationiert
waren und wieder zurückfuhren in ihre Heimat, bekam eine von
Deutschland gekaufte Wohnung. So kam es aber auch, daß in Russland
heutzutage statt Englisch Deutsch die erste Fremdsprache ist, wie es der
damalige Kanzler Kohl in seiner letzten Argentinienreise beim hunterjährigen
Jubiläum in der Goethe-Schule stolz aussagte.-
Ja, wir können alle stolz sein auf die friedliche
Revolution in Deutschland, die damals ihren Anfang fand und noch weiter
im Gange ist. Besonders stolz muss sich jeder Pazifist fühlen, dass
eine fast unmöglich und nur schüchtern geträumte Einigkeit
Deutschlands ohne Blutvergiessen und auf diplomatischen Wege erreicht
wurde. Dies besonders bei der kriegerischen Tradition, die Deutschland
historisch anhaftet. Mehrere Staaten haben etwas änstlich ihr ja dazu
gegeben. Käme nun wieder ein Deutschland auf, dass alle zu überrennen
versucht? Bisher kann man sich nur freuen, dass Deutschland in Europa
als eine mehr aufzugehen versucht und konsequent die Einigkeit Europas
weterhin verfolgt. Das Symbol davon ist in jeder deutschen Botschaft zu
sehen: die Fahne der Europäischen Union neben der deutschen, brüderlich
nebeneinander. In der Praxis gibt es schon eine immer stärkere
Regierung von Brüssel aus, die Gesetzes des Europäischen Parlaments
sind bindend, die höchsten Instanzen der Justiz sind auch schon europäisch
und auch bindend, nach Maastricht ist der Euro von Frankfurt aus
gesteuert bald das einzige Zahlungsmittel der angeschlossenen Staaten.
Nach so vielen Jahrhunderten Krieg hat endlich Europa einen gemeinsammen
Nenner gefunden und ist somit auch viel stärker geworden in der Welt.
Endlich scheint man gefunden haben, das es auf dem friedlichen Weg für
alle Parteien besser ist und man viel schneller weiterkommt. Leider hat
dies Gandhi nicht mehr erlebt, aber sicher hätte er sich sehr darüber
gefreut. Und in der Europäischen wie in der Weltgeschischte war die
Einigung Deutschlands ein wichtiger Meilenstein auf diesem Wege. Die
Mitarbeit in der UN und der NATO, in offener Zusammenarbeit, weiterhin
stark mit USA verbunden, mit Verständniss für den ehemaligen Ostblock
und deren Nöten, ohne die sozialen Probleme der ärmsten Staaten der
Welt zu vergessen, was sogar bis zum anzuerkennenden Schuldenerlaß
reicht, macht aus dem heutigen Deutschland eine geachtete Nation in der
zusammengeschrumpften heutigen Welt.
Die friedliche Revolution, wie jede Revolution, war
natürlich eine harte Sache für alle Deutschen. Und ist bei weitem noch
nicht beendet. Sicherlich hat es geholfen, das mindestens die Einwohner
beider Teile Deutschlands die selbe Sprache beherrschten, obwohl der
Wortschatz teilweise auch verschiedene Richtungen eingeschlagen hatte.
Im Osten wussten sie einige Brocken mehr von russischen, im Westen viele
Brocken englischer Ausdrücke. Dies geht soweit, daß ich im
Hauptbahnhof Frankfurt am Main belehrt wurde, daß ein Pampelmusensaft
inexistent ist und in Wirklichkeit Grapefruitsaft heißt. Im Osten war
es sicherlich auch nicht anders. Man darf die friedliche Revolution in
Deutschland nicht unterschätzen: ausser einiger Ausnahmen wurden alle
Gesetze Westdeutschlands in ganz Deutschland von einem Tag zum anderen
angewandt. Man muß sich dabei vergegenwärtigen, daß diese Gesetze
teilweise stark auseinanderklafften, weil sie auf verschiedenen
Philosophien basierten. Die Mauer trennte zwei ideologische gegensätzliche
Systeme, zwei Weltanschaungen. Und am Tag Deutschen Einheit wurde auf
einmal im ganzen Osten Deutschlands die westliche Weltanschaung wieder
eingeführt, die seit den verrückten zwanziger Jahren dort vermisst
wurde.
Von einem Tag zum anderen wurde auch die DM in ganz
Deutschland eingeführt, demzufolge wurde die Divise der ehemaligen DDR
von einem Tag auf den anderen ungültig. Die Preise in diesen
„neuen“ Bundesländern passten sich rapide an den Westen an, man
kann fast von einer Hyperinflation im Osten sprechen, dort wurden in
DDR-Zeiten nämlich künstlich fast alle Preise zentral gesteuert. Um
nur von Mieten zu sprechen –man muß sich vergegenwärtigen daß in
Deutschland ein weit grösserer Prozentsatz in Miete lebt als z.B
Argentinien und nicht Eigentümer seiner Wohnung ist- waren diese in der
DDR seit dessen Entstehung eingefroren. Dies ging so weit, daß die
Besitzer der Wohnungen mehr Unkosten mit ihnen hatten als Einnahmen. Die
logische Konsequenz war, daß das Erbe in der DDR meistens direkt
ausgeschlagen und ein Großteil der Wohnungen staatlich verwaltet
wurden. Dazu kommt auch noch, daß man in Deutschland gegenüber
Argentinien auch die Schulden erben kann, die den Wert des Erbes überschreiten.
Demzufolge wurde die Anpassung der Mieten und die Bereinigung der
Besitzverhältnisse einer der grössten zu lösenden Probleme in den
folgenden Jahren. Millionen Anträge aus der ganzen Welt und aus
Deutschland selbst mußten bewältigt werden und der Besitz wenn noch möglich
an die rechtmässigen privaten Eigentümer oder deren Erben zurückerstattet
werden, oder wenigstens einigermassen dessen Gegenwert. Die noch weiter
zurückliegende Vergangenheitsbewältigung , die in der DDR nicht
erfolgt war, musste nun auch hier in Angriff genommen werden. All dies,
dies muß man sagen, wurde erfolgreich in den folgenden Jahren bewältigt.
Die marode Industrie des Ostens war für die
westlichen Maßstäbe fast ohne Ausnahme unzureichend. Hier mußte man
fast von Null anfangen. Dieses Problem wurde auch schnellstens in
Angriff genommen. Mit billigen Krediten konnten sich Firmen aller Welt
hier ansässig machen oder die alten Strukturen kaufen, wenn nicht auch
Rückgaben des Eigentums verlangen. Die ökologischen Prinzipien der BRD
mußten eingeführt werden. Ich kann nicht vergessen, wie ich damals
Bitterfeld noch in DDR – Zeiten vorfand. In der Ferne sah man starke
Schwefelschwaden von den Schornsteinen in die Luft steigen. Die
Einwohner sagten mir, sie könnten ihre Wäsche nicht draußen aufhängen,
sie würden nur mit schwarzen Ruß überzogen. Nach der Wende stellte
dann auch Jahre später Greenpeace aus, und wurde Bitterfeld als
„Musterbeispiel“ dessen geprangert, was man nicht tun darf, aber es
sah schon ganz anders aus. Heutzutage ist die ganze Gegend musterhaft
saniert und kann sogar touristisch von Interesse sein.
Natürlich darf man nicht vergessen, daß wie in
jeder Revolution viele Fehler begangen wurden. Jeder, der in kurzer Zeit
wichtige Entscheidungen zu treffen hat, der vieles unternimmt, macht
auch Fehler. Das gehört dazu. Wir wissen alle, daß auch viele Fehler
in dieser Hinsicht erfolgten. Aber wenn wir diese mit dem Erreichten
gegenüberstellen, können wir bei dieser einzigartigen friedlichen
Revolution doch von Erfolg sprechen. Die historischen Stadtteile wurden
wie in den tausenden von schmucken Städchen und Städte des Westens
wieder langsam herausgeputzt, die Kirchen und wichtigsten Gebäude sind
auch wieder sehenswert. Moderne Infrastruktur und viele Investitionen
lassen uns um die Zukunft nicht bangen. Das West-Ost-Gefälle wird
sicherlich mit der Zeit endgültig ausgemerzt werden.
Doch noch heute kann man in vieler Hinsicht von einem
geteilten Deutschland sprechen. Ideologisch ist man noch nicht ganz
zusammengewachsen, dies wird sicherlich eine Generation dauern. Die
Ossis fühlten sich überrrannt, die Wessis ausgenommen. Noch heute
fliessen Steuern der Wessis in den Osten, und viele haben nicht viel
Lust, daß diese dauernd in dieselbe Richtung fliessen. Die Ossis träumten
davon, den Lebensstardart der Wessis mit der Revolution von einem Tag
zum anderen zu erreichen. Natürlich blieb dies nur eine Illusion. Die
Westdeutschen haben auch Jahrzente gedauert, um ihren heutigen
Lebensniveau zu erreichen, sie haben nur früher angefangen, in die
korrekte Richtung zu bauen. Und genießen heute einer der grössten
Lebenstandarts der Welt. Die Ostdeutschen mußten sich an die freie
Marktwirtschaft – an die Freiheit im Allgemeinen an sich auch- erst
gewöhnen, anpassen. Nicht alle schafften es. Wie in jeder Revolution
blieben manche auf der Strecke, ohne das Ziel zu erreichen. Aber es war
dennoch ein Erfolg: Wenige Ostdeutsche trauern den alten Zeiten nach.
Und auch die Westdeutschen haben nach der ersten Furore und den ersten
Enttäuschungen ihr Gleichgewicht wieder zurückgefunden. Sie haben
etwas mehr Verständniss dafür, dass die wenigsten Ostdeutschen es sich
ausgesucht hatten, in die russiche Zone zu fallen um dann weiterhin als
DDR der russischen Einflußzone im Warschauer Pakt anzugehören. Und
viele sind damals geflüchtet, so dass die Mauer fast eine Notwendigkeit
der DDR wurde, um nicht ohne Einwohner zu bleiben. Die erschütternden
Beweise der Suche der Freiheit unter Lebensgefahr kann man auch noch
heute wie damals im Museum beim ehemaligen Checkpoint-Charlie in Berlin
finden . Die Freiheit ist für uns so was Alltägliches geworden, das
wir uns schwer in die Situation derjenigen versetzen können, die sie
verloren haben. Durch Tunnels wie die Maulwürfe, mit selbstgemachten
gepanzerten Wagen, in Kofferräumen, im Gepäckträger in zwei Koffern
in der Eisenbahn, mit jedem noch so primitiven selbstgemachten
fliegenden Körpern über den Luftweg, über Flüsse geschwommen und
teilweise getaucht, alles war gut um in die Freiheit zu kommen. Und mit
dieser friedlichen Revolution auf einmal und fast von einem Tag zum
anderen war sie da. Noch heute geniessen die Ostdeutschen es ganz
anders, wenn sie einen Reise buchen, die dorhin führt, wo sie gerade
wollen oder das Portmonnaie es ihnen erlaubt, als wir im Westen es nur
ahnen, und auch keinesfalls nachvollziehen können. Nicht mehr zu fahren
wohin man durfte und mußte, wenn man viel Glück hatte ans Schwarze
Meer. Nein, wo man lustig ist!
Und besonders: die Verwandten und Freunde im anderen
Teil Deutschlands besuchen, die langjährig sich nicht sehen durften,
nach Jahrzehnten eventuell Besuch aus dem Westen bekamen, aber immer
aufpassen mussten, weil man so stark und leider auch manchmal in der
eigenen Familie unter sich bespitzelt wurde.
Noch heute gibt es einen Herren, der die
Notwendigkeit fühlt, den Brocken jeden Morgen zu besteigen, bevor er
sich etwas Anderem widmen kann. So stark hatte er ihn entbehrt und so
viel Nachholbedürfniss hegt er noch heute.
Freiheit bedeutet natürlich auch das eigene
Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und die Verantwortung zu tragen
über die Konsequenzen der Entscheidungen, die man selbst getroffen hat.
Leichter war es natürlich im Osten die meisten Entscheidungen überliess
man dem „Vater“ Staat, dem allmächtigen unmenschlichen bürokratischen
Koloss, aber war das ein lebenswertes Schicksal?
Ein wichtiger Diplomat der damaligen DDR-Botschaft in
Buenos Aires frug mich etwas herausfordend, für was denn so viel Anwälte
gut seien, wie sie in Argentinien und anderen westlichen Staaten normal
sind. Schwer wenn nicht unmöglich war, es ihm verständlich zu machen,
was ein wirklicher Rechtstaat (nicht nur auf dem Papier) beinhaltet, mit
den individuellen Garantien aller Einwohner, die auch vor Gericht sogar
gegen die jeweiligen Staatsbehörden echt verteidigt werden können. Es
war also nichts Neues für mich, zu erfahren, dass die friedliche
Revolution in Deutschland auch eine starke und leider notwendige Reform
der Justiz beinhaltete.
Die Situation in der DDR war nach dessen
Propagandamaterial natürlich viel besser als die Realität. Aber es
stand mit diesem „Bluff“ DDR weit schlimmer, als die Regierung der
BRD es sich hat träumen lassen. Die marode aufgefundene Infrastruktur
im Osten mußte renoviert oder direkt aufgebaut werden: Elektrizität,
Autobahnen, moderne Telephonsysteme und vieles mehr. Probleme an allen
Seiten und Enden, die alle auf einmal gelöst werden sollten. Alles
wurde so gut wie nur möglich und schnell in Angriff genommen. Sogar
Berlin ist wieder Hauptstadt und wenigstens kürzlich noch eine der grössten
Baustellen der Welt, aber es wird auch hier schon so gemütlich, daß
sie schon mehrere der wichtigsten Weltmetropolen touristisch überflügelt
hat. Das Berlin wieder Hauptstadt Deutschlands ist, bedeutet auch
–wenn man die Nähe der Grenze mit Polen in Betracht zieht- die Öffnung
nach dem Osten, das Angebot als friedliches Zentrum ganz Europas eine
Rolle zu spielen. In Freiheit, Demokratie, weltoffen, sogar bald
definitiv als Inmigrationsland...
Ja, mein Vater konnte ruhig seine Reise in die
„ewigen Jagdgründe“ antreten, demselben der als Piefke in den 2.
Weltkrieg als Soldat reingerutscht war, drei Jahre in Sibirien –für
seine Eltern gefallen, Omi in Schwarz - in sowjetischer Gefangenheit
(auch die Russen waren Gefangene ihres eigenes stalinistischen Regimes,
siehe Solyenitsin); zurück in DDR, heiraten und selbe Nacht über die
Grenze in die Freiheit flüchten, Flugzeug von Berlin in den Westen,
dann mit Schiff nach Argentinien –nie mehr Krieg, bitte nur noch
Frieden (!!!)-, von Null ab eine Existenz in der Ferne aufbauen,
Frieden-Familie-Arbeit, und endlich das geträumte schon bald nicht mehr
zu hoffende noch erleben: Fall der Mauer mit Emotionen bis zu den Tränen
der ganzen Familie, Deutsche Einheit. Sein Lebenszweck war erreicht. Ja,
verzeiht, es ist nur ein Deutscher mehr gewesen,und soll auch die
Anderen in Erinnerung rufen, die anonym bleiben aber immer noch ein
Funken Hoffnung hegten. Es kann so scheinen als wäre dieses Private
unbedeutend und fehl am Platze, aber nein, es soll nur verdeutlichen das
unsere Lebensauffassung, die in Deutschland und in der Welt damals
siegte, und den „Kalten Krieg“ beendete, den ersten Platz dem
Indivivuum einräumt, dem Menschen aus Fleisch und Seele, nicht dem
abstrakten Staat, und auch die Familie hat eine wichtige Funktion darin,
der Staat ist kein Lebenszweck an sich. Deshalb kann ich mit hoher Stirn
sagen: mein Vater konnte ruhig einschlafen...und die friedliche deutsche
Revolution in vollem Gange ihre Vollendung suchen und finden...das
weltoffene integrierte freiheitliche demokratische pazifistische
Deutschland wieder als ein Einziges, harmonisch integriert als eines
mehr unter den Staaten dieses Erdballes. Eine neuer hoffnungsvolle
geschischtliche Epoche fing an und viel wurde schon erreicht. Der
Optimismus wurde durch neue Probleme geschwächt, es war mitnichten das
Ende der Geschischte, aber es hat uns gestärkt auf unserem schweren Weg
und Deutschland bedeutet heutzutage kein Problem mehr für die Einwohner
und Staaten unseres gemeinsamen Erdballes, das ist schon viel wert...
Claudio Gaebler
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